Es gibt Momente da hält man inne. Bei nicht-alltäglichen Erfahrungen zum Beispiel. So geschehen heute, nach einem Seminar mit anschließender Debatte zum Thema Konstruktivismus. Nach einer aufreibenden und interessanten Diskussion, tritt man in Gesellschaft einiger anderer Seminarteilnehmer den Heimweg an und führt die Diskussion ein wenig fort. Diffuses Licht einer Straßenlaterne flackert auf den Gehsteig, ein Zug an der Zigarette und plötzlich hält die Welt für einen Wimpernschlag den Atem an. Wie in einem Panorama-Standbild sieht man sich die Umgebung an, wie in Zeitlupe ziehen die Gedanken am geistigen Auge vorbei…und kurz, nur ganz kurz schafft es der überbordende Verstand dem Körper eine intensive Erfahrung zu vermitteln. Einen relativ unspektakulären Gedanken, der sich für einen kurzen Moment aus dem Geist losreißt und in alle Richtungen übergreift.

Wenn der Verstand die Sinne zwingt, sich der Idee des Konstruktivismus eine Sekunde lang hinzugeben und man die Relativität, die in jeder sinnlichen Wahrnehmung der Außenwelt steckt, SEHEN kann. Was eigentlich abstrakter Gegenstand des Geistes sein soll, wird für einen winzigen Augenblick zum Erlebnis.

Angst, kalte Angst steigt auf und für den Bruchteil einer Sekunde wird die Grenze zum Wahnsinn, vielleicht aber auch zur objektiven Wirklichkeit spürbar. Wie die Dinge wirklich sein könnten, ohne die eigenen, menschlichen Anschauungskategorien…man fühlt sich diesem unfassbaren Zustand eine hundertstel Sekunde ein kleines Stück näher.

Die wahrnehmbare Realität drängt zurück ins Bewusstsein, schlagartig verschwindet diese ganz andere Art der Weltsicht und man zweifelt einen kurzen Augenblick an sich selbst…man wäre sich sicher, dass alles nur kurz vor sich her fantasiert zu haben (hat man vermutlich auch), aber das Gefühl der Angst und die Erinnerung an diese Sekunde verblassen nur langsam und man ist sich sicher, dass man gerade irgendetwas kaum beschreibbares erfahren hat…ohne zu wissen was es gewesen sein könnte.

Vielleicht ist es so etwas, dass jemanden wie Platon seinerzeit dazu veranlasste, zu behaupten man könne den innersten Kern seiner Lehre weder niederschreiben noch erklären, sondern nur erfahren.

Beängstigend…

…aber zutiefst beeindruckend, was die Philosophie mit einem anstellen kann.

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